Montag, 16. März 2020
Wie läuft meine USA-Wette?
Ich hatte vor rund 8 Tagen bei Rebellmarkt behauptet, dass die Fallzahlen der USA die deutschen Fallzahlen in dieser Woche überrunden werden.

Es sieht nicht gut aus für meine Wette. (Einschätzung vom 16.03.)

Bislang lag das Verhältnis von US-Zahlen zu deutschen Erkrankungszahlen bei rund 60 Prozent. Die Werte sind hier jeweils frühmorgendliche Werte:

16.03.: USA 3780 - D 5813 (65%)
17.03.: USA 4727 - D 7272 (65%)
18.03.: USA 6515 - D 9367 (70%)
19.03.: USA 9464 - D 12327 (77%)
20.03.: USA 14353 - D 15320 (94%)
21.03.: USA 19774 - D 19848 (99%)
22.03.: USA 26892 - D 22364 (120%)
23.03.: USA 35060 - D 24873 (141%) -> Endpunkt Wette
24.03.: USA 46168 - D 30081 (153%, Stand 11:00)
25.03.: USA 54916 - D 32991 (166%)
27.03.: USA 85594 - D 43938 (194%)
29.03.: USA 123780 - D 58247 (212%)
30.03.: USA 142735 - D 62435 (228%)
31.03.: USA 164359 - D 67051 (245%)
01.04.: USA 188592 - D 71808 (262%) - 775 Tote
02.04.: USA 215003 - D 77981 (275%) - 931 Tote - Stand 11:00
03.04.: USA 245373 - D 84794 (289%) - 1107 Tote
04.04.: USA 277475 - D 91159 (304%) - 1275 Tote
05.04.: USA 311635 - 8454 Tote - D 96092 (321%) - 1444 Tote
06.04.: USA 336830 - 9618 Tote - D 100123 (336%) - 1584 Tote
07.04.: USA 367650 - 10,943 Tote - D 103375 (356 %) 1810 Tote


Wie kam ich auf meine Annahmen?

* schneller ramp up der US-Testkapazitäten
* extrem mieses Containment in den USA
* Prävalenzdaten deuten dahin, dass die USA schon mind. 1/4 der CoV-2-Prävalenz von Deutschland haben und in vielen Orten bereits ehen erheblichen Community Spread, wie auch die vermehrten Fälle aus dem US-Spitzensport indizieren. In den Erkrankungszentren der USA liegt die Positivenrate sogar bei 8 Prozent - und das sollte entsprechend bei den veröffentlichten Zahlen durchschlagen.

Wo lagen mein Fehler?

* Mit dem sich verbreiternden community spread in Deutschland geht einher, dass die Griffigkeit des deutschen Containments (Tracing, Isolation) abnimmt bzw. anteilig weniger ausmacht - das heißt, die normale Verbreitungsgeschwindigkeit von CoV-2 bricht wieder durch und bei knapp 25 bis 30 Prozent Zuwachs pro Tag.

Tja, hatte ich nicht bedacht.

* Der Ramp up der Testlabore in den USA gestaltet sich zäher, als ich es für möglich hielt. Da gibt es zwar ausgesprochene Helden wie UW Virology (ein Rebellenlabor aus Seattle), die zur Zeit bei 2300 Tests pro Tag liegt und Mitte dieser Woche bei 3.300 liegen werden, aber zugleich eine für mich unglaubliche Zähigkeit der übrigen US-Laborszene. Das CDC hat z.B. bislang gar kein ramp up zustande gekommen und liegt immer noch bei erbärmlichen 200 Tests pro Tag. Eigentlich dachte ich, dass der Zubau der Testkapazitäten in dieser Phase weitaus schneller als in Deutschland zustande kommt. Tja, und unser Land schlägt sich bei dem Test-Zubau auch ziemlich gut, immer noch, beispielsweise mit zwei neuen Drive-Ins in Esslingen (Prävalenz dort zur Zeit: 3 Prozent).

Auch hier lag ich falsch.

Es sieht eher nicht gut aus für meine (etwas geschmacklose ließe sich sagen) Wette. Und auch, wenn Deutschland im Bereich Mitigation (z.b. social distancing) gerade mächtig zulegt, derartige Maßnahmenpakete wirken sich erst mit ca. 7-9 Tagen Verzögerung bei den Infektionsszahlen aus, aufgrund von Inkubationszeit (ca. 5,2 Tage) und Testlaufzeiten. Und das ist dann erst der allererste, anfängliche Effekt. Für die volle Wirkung der Maßnahmen werden sogar drei bis vier Wochen Zeit benötigt. Das liegt u.a. an der Streuung von Inkubationszeiten (bis zu 14 Tage), Testlaufzeiten, Veröffentlichungslaufzieten, Testzeitpunktdifferenzen (eher nur sehr selten wird am allerersten Tag der ersten Krankheitssymptome getestet) usw. Also, bis sich NPIs (non-pharmaceutical Interventions) voll in der Statistik auswirken, können sehr leicht drei oder vier Wochen Zeit vergehen.

++ update ++
Trotzdem könnte meine "Wette" am Sonnabend oder Sonntag noch aufgehen. Das ist schade, für die Menschen in den USA.

++ update ++
Sie ging auf. Und das ist schade.

++ update ++
Es ist ganz schön gruselig, sich diese Zahlen über zwei Wochen hinweg anzugucken. Aus 10.000 Erkrankungsfällen (beide Länder) wurden in zwei Wochen 200.000 Fälle, und wenn wir da einen "Faktor 10" ansetzen, dann entspricht das 2 Millionen echten Erkrankungen.

Drei Wochen später werden sich hier einige dieser Erkrankungen in Sterbefälle verwandeln, das heißt, wenn wir hier einmal eher zurückhaltend 3 Prozent ansetzen, dann weden der April und Mai für beide Länder mindestens 60.000 Tote bedeuten.

Vielleicht sogar 200.000 Tote.

Furchtbar.

++ Update 07.04. +++

In über 10 Bundesstaaten der USA gibt es bis jetzt nicht die allergeringsten Containment-Maßnahmen. Man trifft sich dort völlig unverändert z.B. in den Gottesdiensten, eng gedrängt, und betrachtet später dann interessiert die apokalyptischen Beschreibungen aus New York, wie sie inzwischen auch von Fox News versendet werden.

Die USA wandern unmittelbar in eine Katastrophe hinein. Und leider, der Punkt ist überschrittten, wo die Katastrophe verhindert werden kann, während unser "Merkeldeutschland" mehr oder minder eine Punktlandung hingelegt hat.

Das ändert aber leider sehr wenig daran, dass die Krise auch bei uns überaus real ist und viele Existenzen ökonomisch und sozial auf dem Spiel stehen.

Immerhin haben wir uns ein wenig Luft verschafft, wobei dies immer noch in drei Wochen auf ca. 10.000 bis 20.000 Fälle in den Intensivstationen hinaus laufen wird. Zur Zeit liegen wir hier bei ca. 4.000 bis 5.000 Fällen, und unangenehm häufig auch mit ECMO, einem verzweifelten Kampf um das Leben der Patienten. Inzwischen ist das Virus auch in viele unserer Senioreneinrichtungen eingewandert.

Die Lage in den USA in 3 Wochen mag ich mir gar nicht so detailliert ausmalen, darum, weil dort der Basisreplikationswert nahezu unverändert hoch liegt. Ende dieses Monats werden die USA über 50.000 Sterbefälle zu beklagen haben, und das ist erst der Anfang.

Die Geschichte wird über Trump urteilen. Aber ganz anders, als er es sich denkt.

... link (64 Kommentare)   ... comment